#1.1 Worte

Ich wollte den folgenden Text niemals schreiben. Man könnte in diesem Satz theoretisch noch ein kleines eigentlich verstecken, aber das würde implizieren, dass ich mir nicht sicher darüber war und das wäre gelogen. Ich hatte nie vor die Gedanken, welche ich in dem Moment des Nachdenkens über jene Angelegenheit habe, die ich in den kommen Absätzen beschreiben werde, niederzuschreiben. Du — darf ich du sagen? Ich nehme mir das einmal heraus. Also, du merkst vermutlich bereits nach diesen wenigen Zeilen, dass ich nicht unbedingt die Art von Person bin, deren geschriebene Sprache man leicht entziffern kann. Ich mag das auf den ersten Blick unübersichtliche Labyrinth aus Wörtern und Zeichen, welches erst bei intensivem Lesen und aufmerksamen Gedanken als ein vollwertiger und zusammenhängender Text entziffert wird. Diese kleine Tatsache mag später vielleicht noch wichtig sein; vielleicht wird sie aber auch nicht mehr Erwähnung finden — ich weiß derzeit selbst nicht, wo ich am Ende mit einem Punkt den Schluß kennzeichne. Ich sagte ja bereits, dass ich diesen Text niemals schreiben wollte. Und doch tue ich es und trotzdem weigere ich mich eigentlich noch in meinen Satz zu schmuggeln. Unauffällig würde es kennzeichnen, dass ich für die Frage, ob ich anderen Menschen von mir, von meinem Leben, von meinen Erfahrungen erzählen will, noch keine Antwort gefunden habe.

Warum kann dieser Typ nicht zum Punkt kommen?

Gute Frage. Entschuldigung, dass ich gerade versuche mit Worten zu jonglieren, aber um ehrlich zu sein ist es genau dieses Spiel mit den Buchstaben, welches mich überhaupt dazu gebracht hat, mich trotz meiner inneren Verneinung mit allem auseinanderzusetzen. Der Grund warum ich momentan hier sitze, an einem Samstagabend, und meine Finger auf die Tastatur sausen lasse, ist also relativ simpel: Mittlerweile glaube ich, dass ich die passenden Worte finden kann.

Worte sind Waffen, Worte sind Medizin, Worte sind Bestandteil von schlechten Sprichwörtern. Das Wort Wort selbst ist ein Wort. Es ist ein Ausdruck über die Sache selbst. Es sind Wörter, die für diesen Text verantwortlich sind. Es sind die Wörter, welche mich gerade den eigentlichen Kerninhalt immer weiter in die Zukunft schicken lassen — ganz einfach indem ich immer neue Buchstaben aneinanderreihe. Fernsehapparat, Telefonzelle, Kreuzfahrtschiff, Hausdach, Schneemann, Blumenkohl, Bergkette. Ich verstecke mich gerne hinter Wörtern. Hinter dieser Wand aus Schall. Sie geben mir die Sicherheit nicht in einen Abgrund zu stürzen. Diese klischeebeladene Metapher eines Schlunds, der dich in die Tiefe und folglich durch all die scharfen Felsen am Grund auch in Stücke reißt. Es ist real. Ohne meine Worte würden sich meine Organe mit dreckigen Steinen mischen, würden im Schwarz unsichtbares Rot malen.

Es ist ein drastisches Bild von der eigenen Verstümmelung zu sprechen. In meinem Fall ist es aber ein ziemlich detaillierter Ablauf. Die einzige Sache in der ich gut bin, in der ich Selbstvertrauen habe, in welcher mir schlicht und einfach alles egal ist, ist Schreiben.

Wenn ich schreibe. Wenn ich Buchstaben erscheinen lasse. Wenn ich Wörter bilde. Sätze kreiere. Geschichten aus dem Nichts erschaffe. Dann weiß ich. Dass ich lebe. Und glücklich bin.

Schreiben war schon immer wichtig für mich. Wer hier den peinlichen Schatten eines Klischees um die Ecke huschen sieht, dem muss ich zuallererst zu den tollen Augen gratulieren, denn fast niemand hat etwas derartiges bereits betrachtet, und danach muss ich aber auch gleichsam meine Aussage unterstreichen, denn es entspricht schlicht der Wahrheit. Ich kann kein Rad schlagen, bin der Ansicht, dass die Mathematik meine Kreativität zerstört, da ich bei ihr nach festen Regeln arbeiten muss, und bin ein miserabler Tänzer. Es bleibt mir also gar nichts anderes übrig als zu den Worten zu greifen, welche mich stets unterstützt haben. Und jetzt schulde ich ihnen etwas. Ich habe mich verpflichtet ihnen ein wunderschönes Leben zu spendieren, sie in den Köpfen von anderen Menschen weiterleben zu lassen. Und das kann ich am besten indem ich schreibe. Ich pflanze meine Gedanken zwischen die Synapsen anderer und sehe dabei zu, wie sie wachsen. Sie sprießen langsam und bilden Wurzeln. Tänzeln durch das Gehirn des Lesers, lassen ihn nicht mehr los; verharren dort und warten auf frischen Nährstoff. Neue Buchstaben, neue Wörter, neue Sätze, neue Geschichten. Ein Wort bedeutet für mich mehr als aneinandergereihte Buchstaben. Ich erkenne keine Namen, ich sehe die Beschreibung einer Person. Es gibt keine Sätze, nur die schriftliche Darstellung des eigenen Denkens. Worte sind Transportmittel der Kommunikation und Instrumente des kreativen Schaffens zugleich. Und ich will meine aufbewahren, sie auf Papier bannen, verhindern, dass sie im Nebel der Vergangenheit verblassen. Ohne meine Worte bin ich nichts. Ich habe kein Selbstvertrauen was meine Person betrifft; stattdessen vertraue ich nur meinem Gehirn. Es ist ein abgetrennter Bereich. In ihm sitze ich. Das wahre Ich. Es ist mir nie schwer gefallen mich nach außen hin zu verstellen — mich anzupassen. Etwas erfinden, gestalten, schmücken, erzählen, mit Spannung beladen. Es ist mein Leben Geschichten zu kreieren. Ein Leben in dem ich gut bin.

Ich fühle mich unwohl wenn ich meine Gedanken nicht in Wörter ausdrücken kann. Die einzige Verbindung bricht. Freier Fall. Rot in Schwarz. Ich würde mich nicht als einen Lügner bezeichnen, sondern als Geschichtenerzähler. Streng genommen gibt es keine Lügner für mich. Jeder Mensch, der die Wahrheit verdreht, sie neu erfindet, verbiegt, verschönert, erzählt nur eine Geschichte. Er versucht die zeitlichen Geschehnisse durch seine Kreativität zu manipulieren. Ich betrachte das Lügen nicht als einen Prozess des Hintergehens. Für mich ist er nur eine weitere Möglichkeit, um meine Geschichten zu erzählen. Um mit Worten zu spielen. Um den jeweiligen Gegenüber auf ein kleines Abenteurer mitzunehmen. Um mich selbst in meiner Annahme zu bestätigen, dass ich gut darin bin Geschichten zu erzählen. Um mich wenigstens an dieser Tatsache festzukrallen; denn merkt der Gegenüber nicht, dass das, was ich ihm gerade erzähle, nicht stimmt, dann weiß ich, dass ich es immer noch kann. Perfide ist das Wort, welches du gerade vermutlich suchst. Es ist das Wort, welches mir selbst sooft durch den Kopf hüpft, dabei habe ich es noch nie bewusst verwendet.

Es ist Samstag. Ich könnte meinen Körper gegen schwitzendes Fleisch reiben, die Hände in der Luft zum Rhythmus der Musik senken und heben und am Ende mein Erbrochenes auf dem Boden betrachten. Ich meide Massen. Ich klammere mich an Personen fest, die meinen mich zu kennen, die meinen zu wissen, zu verstehen. Sie wissen nichts. Mir war immer klar, dass man eine Bindung nicht auf jener Art von Geschichten aufbauen kann, wie ich sie erzähle. Es kommt der Punkt an dem ich mir nichts mehr merken kann. Es kommt dieser eine Moment in dem die andere Person die Erzählung als Lüge erkennt; versucht zu verstehen was ich da von mir gebe. Das mächtigste Wort, welches ich derzeit in meinem Wortschatz habe, wird dabei komplett vernichtet. Vertrauen.

Ich bin mittlerweile an einem Punkt an dem ich sehr schnell Geschichten erzählen kann. Ich kann sie mit Spannung füllen, mir ist es möglich Charaktere in einer Sekunde zu kreieren, ich schaffe es die Geschichte lückenlos wiederzugeben. Ich bin mittlerweile an einem Punkt an dem ich meine Geschichten selbst für real halte. Ich denke nicht mehr darüber nach ob das was ich sagen werde stimmt. Ich sage es einfach. Das ist gefährlich. Das ist sehr gefährlich. Das, was ich immer für meine Stärke hielt, ist mittlerweile meine größte Schwäche. Meine größte Angst. Mein größter Feind. Ich missbrauche konstant Vertrauen und die Menschen werden es merken. Die blutende Wunde ist da. Sie müssen nur noch aufmerksam meinen Worten lauschen und irgendwann werden sie die Schnitte sehen.

Ich habe Angst vor mir. Die anfängliche Kontrolle ist weg. Die Gedanken haben sich mittlerweile als ein dreckiger Sud vor mir entladen. Und das alles obwohl ich nie jemanden ausgenutzt habe. Es ging mir stets nur darum meinen Gegenüber auf eine Reise mitzunehmen.

Vielleicht laufe ich ja vor dem Offensichtlichen davon. Vielleicht hat jenes offensichtliche Etwas mich aber auch längst eingeholt und sitzt gerade neben mir und nickt bei jedem v e r d a m m t e n Buchstaben, den ich hier schreibe. Es ist beunruhigend und dann wiederum sehr angenehm, da ich somit eine mögliche Erklärung für alles hätte. Ich bin es nicht, der komisch ist. Es ist nicht Ich, der die wahre Person nicht ausstehen kann, der sich in der Öffentlichkeit verstellt und sich in der eigene Welt offen zeigt. Ich bin noch nie aus meiner Hülle gestiegen, habe das Kostüm mit einem breiten Grinsen auf der Maske nie vor weiteren Augen abgelegt. Es ist der Grund warum ich es meide unter vielen Menschen zu sein. Sie beurteilen mich; ich kann nicht abschätzen wie mein Gegenüber mich sieht, kann nicht darauf reagieren, bin ausgeliefert.

Ich weiß nicht, ob ich mir noch glauben kann. Meine Gedanken sind unkontrolliert. All diese Gedanken, die immer dann kommen, wenn ich allein bin. Meistens kommen sie bevor ich schlafen will. Schlafen. Es gibt Nächte da habe ich Angst vor dem einschlafen. Ich weiß nicht wo ich in einem Monat mit mir sein werde. Mein Gehirn hat Angst vor der Wahrheit und den Konsequenzen. Ich versuche meine Augen zu schließen und mein Gehirn sticht mir mitten in die Brust. Ich kann das Konstrukt nicht mehr halten. Es bricht bald ein. Ich habe Angst davor allein zu sein wenn es passiert.

Ich weine, zittere und schreie in mich hinein. Und dabei wollte ich nur Geschichten erzählen.

Lukas Flad

Lukas Flad

Zu meiner Zeit interessierte man sich noch nicht für diese sogenannten Blogs, sondern nur für das neueste Abenteuer der drei ??? und das bekam man auf einer Kassette. Ebendeswegen bin ich gespannt, wie sich dieses Internet entwickelt.

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