in Geschrieben

#1.1 Worte

Ich schreibe diesen Text, da mein Hirn zum Zeitpunkt des Niederschreibens jener Zeilen, aus dem matschigen Brei einer derart schwabbeligen Masse besteht, dass meine Gedanken in diesem Sud nach Halt kreischend einen qualvollen Tod erfahren.

Ich habe eine Schreibblockade und die beste Option, welche sich gerade noch so mit sehnengedehnten Serifen an einer Synapse festkrallen konnte, war, dass ich darüber schreibe nicht zu schreiben. Sinnvoll — nicht durchdacht. Nachvollziehbar — uninspiriert. Unterstellt man mir Hypokrisie, unterstelle ich Unterstellungen, denn diese Buchstaben hier haben rein gar nichts mit jenen wunderhübschen Zeichen zu tun, welche ich eigentlich brauche; verlange, um meine herzallerliebsten Wörter zu formen. Es ist ein Text, um zu texten. Das Klischee ist nackt. Klar und deutlich erkennbar für jeden. Aber Reiz und Reaktion hat nicht nur dich zu interessieren. Klischees sind meine engsten Vertrauten. Das Fundament eines Hauses, das am Ende niemand mehr sehen kann. Die Funktionsweise eines Transistors und das Innenleben eines Kokons, die und das nur wahre Kenner wirklich verstehen und für den Rest den Ausruf der Magie rechtfertigen.

Lasst mich also vom Gedankenfluss erzählen, der die Schiffsrümpfe der Buchstaben nach und nach wegätzt. Lasst mir das Vorantreiben von Imitationen und krummen Nachbildungen. Die Beschreibung von ellipsenförmigen Kugeln und einem Hexagon mit zwei Ecken. Lasst mir meine sehnengedehnten Serifen und die gebärstete Grotesk. Lasst mir meinen letzten Freund.

Ich darf meine Gedanken nicht mehr verschwenderisch um mich werfen. Ich muss sie essen, sie im Mund in kleine Fetzen zerbeißen und dann den freien Fall einleiten. Stück für Stück sammelt sich so ein undurchdringlicher Haufen an unausgesprochenen Wortkombinationen in meinem Magen. Ein grandios unermüdlicher Fundus an zarten Neologismen, als Familie agierenden Kontaminationen und kämpfenden Verballhornungen. Ich lass, ohne, dass ich nichts mehr von mir hören lassen will, nichts mehr von mir hören und stürze mich auf den vergeblichen Versuch, etwas Altes zu entdecken, dessen Inbesitznahme mir etwas verspricht, da ich ihm selbst diese Bedeutung gegeben habe.

Aber lass ich nichts mehr von mir hören, höre ich mir selbst nicht zu und beginne dennoch das Schürfen nach Worten. Schlag für Schlag für Schlag für Schlag für Schlag hieve ich die Spitzhacke über meinen Kopf und lasse Sie auf leere Hülsen in meinem Magen schnellen. Der Inhalt verteilt sich. Die Wände beschmutzt mit irgendwas Undefinierbarem. Ich höre ein Echo. Das herzlose Resultat der herzlosen Versuche und die ekelhaft keimenden Fragen. Echo. Fragen, die keine Antwort suchen, sondern sie schon haben. Echo. Sie haben sie immer dabei. Tragen sie wie ein kostbares Herz in sich und drücken dessen flüssigen Inhalt in meinen Kopf. Der Sud. Der Kreislauf. Das Echo.

Und wieder grätscht die Hypokrisie hinein. Denn natürlich sind es Wörter, die für diesen Text verantwortlich sind. Wörter, die den eigentlichen Kerninhalt immer weiter von mir schieben. Fernsehapparat, Telefonzelle, Kreuzfahrtschiff, Hausdach, Schneemann, Blumenkohl, Bergkette, Radieschenauflauf. Aber es sind falsche Wörter. Unnütze, lieblos auf die Netzhaut gebrannte Umschreibungen von Umschreibungen von Umschreibungen von Umschreibungen. Der hoffnungslos romantische Versuch, das Klischee nicht mit jedem einzelnen Satz zu entblößen. Eine Sisyphusarbeit ohne an Entitäten zu glauben.

Und doch, doch! Doch liebäugle ich mit der Vorstellung, dass sich irgendwo in diesem Labyrinth ein verschnörkeltes Nomen befindet, vielleicht sogar ein schüchternes Adjektiv oder ein vorlautes Adverb, das sich anschließend wollig wohlig warm in meinen Kopf bettet und mit seinen Kissen und Decken jene Flüssigkeit aufsaugt, die meinen Schädel zum Dröhnen bringt.

Und dann wird es noch warmen Kakao hinterhergießen, um es zu reinigen. Mein Hirn. Von den Gedanken. Die keine Buchstaben innehaben, welche ich brauche. Von den Gedanken. Die mich am Schreiben hindern. Die ich mich hindern lasse. Ein Klischee.